Ei­ne Trom­mel er­zählt

Die ver­ges­se­ne Ge­schich­te der Mu­sik­ge­sell­schaft Em­met­ten


Ich bin eine Trommel. Und ich erinnere mich.

Ich wurde im Jahr 1838 geboren, aus Holz geformt, mit festem Leder bespannt. Meine Haut spannte man von Hand, meine Seiten bemalte man mit Sorgfalt und Stolz. Ich war nie ein leises Instrument. Meine Stimme sollte tragen – über den Dorfplatz, durch die Gassen von Emmetten, hinauf zu den Bergen.

Heute stehe ich still. Seit April 2025 ruhe ich im Nidwaldner Museum. Die Menschen betrachten mich, lesen meine Inschrift, bewundern meine Farben. Doch nur wenige hören, was ich zu erzählen habe.

Ich erzähle von einer Zeit, lange bevor man sagte, die Musikgesellschaft Emmetten sei 1952 gegründet worden. Denn als ich entstand, gab es sie längst.

Auf meiner hölzernen Haut stehen zwei Löwen. Stark und wachsam halten sie eine Krone über einem kunstvollen Pflanzenornament. Darunter trage ich Wappen: Näpflin, Würsch – Namen, die in Emmetten Gewicht hatten. Familien, die Verantwortung trugen, auch für die Musik. Vielleicht waren es ihre Hände, die mich zum ersten Mal schlugen.

Weiter unten zeige ich das Nidwaldner und das Schweizer Wappen. Und da ist er: der heilige Jakobus. Nicht als stiller Pilger, sondern als Kämpfer, in Soldatenkleidung. Santiago Matamoros. So wurde er gesehen in meiner Zeit – als Beschützer, als Zeichen von Stärke. Emmetten liegt am Jakobsweg, und die Kirche trägt seinen Namen. Ich war nie nur Instrument. Ich war Bekenntnis.

Umrahmt bin ich von Worten:
„Gehört der Musikgesellschaft aus Emmetten 1838.“
Notenlinien tanzen über und unter dieser Inschrift. Musik, festgehalten für die Ewigkeit.

Ich habe Fronleichnamsfeste begleitet. 1840 dankte man der „Ehrenten Musicgesöllschaft“ dafür, dass sie den Gottesdienst verherrlichte – mit einem Abendtrunk. Ich habe die Einweihung des Gasthofs Schönegg 1863 erlebt, als Musik aus Emmetten und Buochs gemeinsam erklang.

Und ich habe gespielt, als 1864 die Kurgäste zur Saisoneröffnung kamen und man stolz von der „talentvollen Musikgesellschaft von Emmetten“ sprach.

Doch ich habe auch das Verstummen erlebt.

Musikgesellschaften waren verletzlich. Geld fehlte. Zeiten änderten sich. Man löste sich auf, man begann neu. Um 1900 baten sechs oder sieben Männer demütig um Unterstützung. Sie hatten Geld geopfert, Zeit verloren, Hoffnung bewahrt. Man schenkte ihnen eine Tanne im Wert von hundert Franken. Auch daraus kann Musik wachsen.

Ich habe all das gesehen. Gehört. Gespürt.

Meine Grösse, meine reiche Bemalung – all das zeigt: Ich war für wichtige Momente bestimmt. Für Feste, für Glauben, für Gemeinschaft. Ich schlug den Takt für das Dorfleben. In einer Zeit, als Musik nicht Unterhaltung war, sondern Zusammenhalt.

Heute bin ich alt. Meine Stimme ist verstummt. Doch meine Geschichte klingt weiter.

Die Musikgesellschaft Emmetten lebt noch immer. Sie spielt bei Festen, erfüllt den Januar mit ihrem Jahreskonzert, verbindet Generationen. Und ich? Ich darf endlich erzählen, was lange vergessen war:

Dass ihre Wurzeln tief reichen. Tiefer als jedes Gründungsdatum.

Ich bin eine Trommel.
Und ich bin Erinnerung.

Ähnliche Beiträge